ab 4.03.: Ausstellung „Käsesakramentsystem“ im Kunstverein Braunschweig

Ausstellung von ben Schumacher vom 4. März bis 14. Mai 2017.

Käsereifung als Metapher eines Heilsweges, Sakramente als eine rituelle Einführung in die christliche oder ökumenische Wertegemeinschaft und eine Ordnungsstruktur, die Käselaib, Kirchenbank, Leinwand und Holzobjekt verbindet – in seiner Ausstellung „Käsesakramentsystem“ spinnt der kanadische Künstler Ben Schumacher ein Netz aus Bildern und (ironischen) Verweisen, die Einblicke in einen künstlerischen Kosmos gewähren, der von der Gleichzeitigkeit medial vermittelter Themen und Bilder lebt.

Auf langen Wanderungen transportierten Hirten ihre Tagesration Milch in Schafsmägen. Eng am wärmenden Körper geführt und von Gärfermenten der Tierhaut katalysiert, gerann die Milch in der gleichmäßigen Bewegung des Trägers zu Käsestücken. Die magisch anmutende Verwandlung der flüssigen Protein-, Fett- und Zuckeremulsion in festen Sauerkäse war entdeckt. Aus der unerwarteten Beobachtung wurde eine gängige Konservierungspraxis, die in den folgenden Jahrhunderten spezifiziert und in Produktionszyklen der Lebensmittelindustrie eingebettet wurde.

Der theologische Begriff für das Unerwartete, das sich nicht unmittelbar aus dem rational Gegebenen ableiten lässt, lautet Wunder. Um das Konzept von Wundern begreifbar zu machen, bedarf es im Sinne Alain Badious eines dynamisierten Denkens von ereignisabhängigen Wahrheiten. So beschreibt Badiou in Paulus. Die Begründung des Universalismus in Bezug auf Apostel Paulus, dass sich eigene Denkparadigmen von bestimmten Ereignissen, z.B. auch der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi, nachhaltig erschüttern ließen.

Während das ausbrechende, sich von herkömmlichen Mustern emanzipierende Denken eine Subjektwerdung markiert, fungiert das ursprüngliche Christusereignis als möglicher Initiationsmoment einer Hinwendung zu Gott. Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Krankensalbung, Weihe und Ehe versinnbildlichen als sieben Sakramente der katholischen Kirche die sukzessive Einführung in das Christsein, Vergebung und die Unauflöslichkeit der Bindung zu Gott. Anhand solcher symbolisch aufgeladenen Riten wird die immaterielle Beziehung zwischen Gott und Individuum erfahrbar gemacht.

Im Rahmen seiner ersten institutionellen Einzelausstellung verwandelt Ben Schumacher die Ausstellungsräume der Remise in ein Käselager auf Zeit: Ein Regalsystem bietet Platz für Käselaibe und einen Fries aus sieben geschnitzten Holzobjekten, die in einem komplexen Referenzspiel eine zeitgenössische Interpretation der katholischen Mysterien bzw. Sakramente behaupten. Mit Kabeln verbunden, simulieren die Objekte die Verknüpfung von materieller und virtueller Welt, wobei das traditionell lokal verankerte Handwerk der Käseherstellung und der Holzschnitzkunst auf den Anspruch einer globalen Vernetzung treffen und so die alltägliche Verschränkung von digitaler und analoger Information spiegeln. Die Installation wird um eine siebenteilige Serie neuer Malereien von Ben Schumacher ergänzt, die in ihrer Motivik Themen der christlichen Initiation und Heilung berührt.
Ben Schumacher (*1985 in Kitchener, Kanada) lebt in Berlin und New York. Nach einem Architekturstudium an der University of Waterloo, Ontario und einem Kunststudium an  der New York University wurden seine Arbeiten international in Ausstellungen des Musée d’art contemporain de Lyon, 2014, des Sculpture Center, New York, 2011 und im Rahmen der 13. Triennale Kleinplastik Fellbach, 2016, sowie der Montreal Biennale, 2016 vorgestellt. Im Anschluss an die Ausstellung im Kunstverein Braunschweig wird Schumacher dieses Jahr an einer Gruppenausstellung in der Kunsthalle Zürich teilnehmen und eine Einzelausstellung in der Galerie Croy Nielsen realisieren.

Weitere Informationen finden Sie unter www.kunstverein-bs.de

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