Kein Kinderkram: „Frau Eulenspiegel“ klärt uns auf.

Kein Kinderkram: „Frau Eulenspiegel“ klärt uns auf – Besuch im Till Eulenspiegel-Museum in Schöppenstedt

Charlotte Papendorf hat 30 Jahre mit Eulenspiegel verbracht. Deshalb kann man sie wohl mit Fug und Recht als Eulenspiegel-Expertin bezeichnen. Es waren aufregende Jahre, keinen einzigen Tag hat sie sich gelangweilt. Die Leiterin des Till Eulenspiegel-Museums in Schöppenstedt geht sogar so weit, zu sagen: „Ich bin mit dem Museum verheiratet.“

 

Charlotte Papendorf im Spiegelkabinett der Ausstellung. Foto: Beate Ziehres

Dieses Bekenntnis kommt mit einem Augenzwinkern, fast schon schelmisch. Ich bin versucht zu denken, dass der Schalk in ihren Augen gut zu Eulenspiegel passt. Doch dann klärt mich Charlotte Papendorf über den eigentlichen Charakter des „Schelms vom Elm“ auf. Und ich lerne: Die Narrenkappe setzte man Eulenspiegel erst später auf.

„Die ursprünglichen Geschichten erzählen von einem derben Eulenspiegel. Hier und da sieht man Häufchen, um die Leute zum Nachdenken zu bringen. In knapp einem Drittel der Historien spielen Fäkalien eine Rolle. Es gibt viele grausame Geschichten, in denen Menschen oder Tieren Schaden zugefügt wird. Und zwar nicht zufällig, sondern mit der vollen Absicht Eulenspiegels. Im Originalbuch hat Eulenspiegel auch keine Freunde. Er ist bindungslos und asozial im eigentlichen Sinne des Wortes. Sein Verhalten zielte auch nicht darauf ab, Freunde zu haben. In einigen Geschichten braucht er lediglich Mitspieler, um andere zu übertölpeln. Doch das sind nur Momentaufnahmen.“

Eulenspiegel mit Häufchen. Foto: Beate Ziehres

Als Kinderbücher sind solche Geschichten natürlich nicht geeignet. Erst im Laufe der Zeit wurden die Episoden entschärft, manche wurden ganz weggelassen. Eine Ausgabe, die sich bis heute gut verkauft, ist Erich Kästners Eulenspiegel-Buch. Er hat 12 Historien für Kinder ausgesucht und sie illustrieren lassen.

Eulenspiegel als vorzeitlicher Comic

Apropos Illustration: Charlotte Papendorf ist sich sicher, dass man sich die Geschichten um Eulenspiegel zuerst erzählt hat. Später wurden sie aufgeschrieben und mit vielen Bildern versehen – schließlich konnten seinerzeit viele Menschen nicht lesen. So entstanden auch die Bilderbögen, die Vorgänger des Comics, die heute im Museum zu sehen sind.

Historische Bilderbögen im Eulenspiegelmuseum . Foto: Beate Ziehres

Der unangepasste Eulenspiegel, der sich in keine Schublade packen lässt, inspirierte nicht nur Erich Kästner, sondern viele weitere Autoren und Filmemacher.

Charlotte Papendorf: „In einem Roman von Charles de Coster wird Eulenspiegel zum Freiheitskämpfer. In diesem Werk hat er auch einen engen Freund namens Lamme Goedzak. Und am Ende heiratet er sogar. Die Handlung ist doch sehr weit weg von der Originalgeschichte. Aber in der ehemaligen Sowjetunion ist der Roman Pflichtlektüre, weil es darin darum geht, dass sich ein unterdrücktes Volk von Fremdherrschaft befreien will. Eulenspiegel und Lamme Goedzak sind Helden und wirken an der Befreiung mit. Da spielen doch ganz andere Themen eine Rolle als im Originalbuch.“

Wie es sich Eulenspiegel mit dem Kaiser verdarb

Auch ein DEFA-Film aus dem Jahr 1975 erzählt Episoden aus Eulenspiegels Leben. Dargestellt von Schauspieler Winfried Glatzeder verscherzt es sich Eulenspiegel in diesem Film mit einem Raubritter, dem Fürsten und letztlich sogar mit dem Kaiser höchstpersönlich. Auch in diesem Drehbuch gibt es immer wieder Querverweise zum Original. Viele Einzelheiten wie etwa Eulenspiegels Geliebte Rosine mögen aber wohl eher der Phantasie der Drehbuchautoren entsprungen sein. Ausgewählte Szenen des Films werden im Museum in Schöppenstedt gezeigt.

Szene aus dem DEFA-Film „Till Eulenspiegel“, der in der Ausstellung in Ausschnitten zu sehen ist. Foto: Beate Ziehres

 

Ein anderer Teil der Ausstellung, die vor einem Jahr neu konzipiert wurde, widmet sich den Werken bildender Künstler. Auch sie haben – wie die Literaten und Filmemacher – die Figur gerne aufgegriffen. So vielfältig wie Eulenspiegel selbst sind die Denkmale, die ihm Zeichner, Maler und Bildhauer gesetzt haben.

Till Eulenspiegel gezeichnet. Foto: Beate Ziehres

Der Till in Form von Skulpturen. Foto: Beate Ziehres

Gewichtige Eulenspiegel-Skulpturen

Einem weiteren ausgewiesenen Eulenspiegel-Experten und Künstler begegne ich in Schöppenstedt: Gerhard Marek aus Waffenhammer im bayerischen Frankenwald. Der ehemalige Lehrer hatte sich zum Ziel gesetzt, alle Historien des Schelms in Bronze zu gießen. Ganz hat er es nicht geschafft, aber irgendwo zwischen 60 und 70 Skulpturen sind es geworden.

Charlotte Papendorf: „Als Gerhard Marek sein privates Eulenspiegel-Museum aufgegeben hat, haben wir die Bronzefiguren hierher geholt. Es war eine sehr gewichtige Angelegenheit. Jetzt sind sie als Leihgabe hier und ich freue mich sehr darüber. Sie beleben und bereichern die Ausstellung durch ihre Dreidimensionalität, die sehr ansprechend ist.“

Bronzeskulptur: „Wie Till Eulen und Meerkatzen buk“. Foto: Beate Ziehres

Doch nicht einmal Charlotte Papendorf ist sich sicher, dass Till Eulenspiegel tatsächlich gelebt hat. Fest steht, dass im vermeintlichen Geburtsort Eulenspiegels Anfang des 14. Jahrhunderts ein Tile von Kneitlingen urkundlich belegt ist. Doch niemand vermag heute zu entscheiden, ob dieser Tile und der Eulenspiegel, um den sich die Historien ranken, ein und derselbe sind.


Eulenspiegel: Dichtung oder Wahrheit?

Auch um den Autor des Bestsellers aus dem 16. Jahrhundert gibt es Spekulationen. In Schöppenstedt geht man aber davon aus, dass Hermann Bote aus Braunschweig der Verfasser des Eulenspiegel-Buches ist. Dafür finden sich im gedruckten Werk einige Indizien. Auch der Umstand, dass viele Historien im Umfeld Braunschweigs gespielt haben, zählt dazu. In Ampleben und Kneitlingen, in Peine, Helmstedt und natürlich in Braunschweig führte Eulenspiegel die Menschen an der Nase herum. Der Autor muss gute Ortskenntnisse in unserer Region gehabt haben. Hermann Bote war Zollschreiber in Braunschweig und ein wichtiger Schriftsteller seiner Zeit.

 

Ein Buch geht um die Welt

Charlotte Papendorfs erste Aufgabe in Sachen Eulenspiegel war die Mitarbeit an einer Till-Eulenspiegel-Bibliografie. Will heißen: Alle Eulenspiegel-Ausgaben werden verzeichnet. Vom ersten Buch bis zur Gegenwart.

„Das älteste Buch stammt aus dem Jahr 1511. Zwei verschiedene Exemplare davon sind als Fragmente erhalten geblieben. Beide Fragmente sind in Privatbesitz. Wir konnten eine Wanderausstellung konzipieren, die sich rund um den ältesten Druck rankte. Das älteste vollständige Exemplar ist aus 1515. Seitdem wurden die Geschichten rund um Eulenspiegel immer wieder nachgedruckt, übersetzt und verändert. Schon im 16. Jahrhundert wurden Eulenspiegel-Bücher in verschiedene Sprachen übersetzt und in Straßburg, Krakau, Erfurt, Köln, London, Paris und Antwerpen gedruckt. Die Eulenspiegelfigur selbst hat sich dadurch verändert.“  

Die Ausstellungsstücke werden auch in einfacher Sprache erklärt.
Foto: Beate Ziehres

In der neu gestalteten Ausstellung des Till Eulenspiegel-Museums in Schöppenstedt hat man versucht, auch diese Veränderungen anschaulich darzustellen. Damit möglichst viele Menschen Zugang zur Ausstellung finden können, gibt es Erläuterungen in Blindenschrift, leichter Sprache und in multimedialen Formaten.

 

Übrigens: Im Buch mit 96 Historien steckt eine eigene Eulenspiegelei: Wer genauer hinschaut bemerkt, dass nur 95 Geschichten erzählt werden. Die Nummer 42 fehlt. Ein Zufall, dass dies ausgerechnet in der Lebensgeschichte eines Mannes passiert, der halb Europa zum Narren gehalten haben soll? Nein, daran glaube ich nicht. Vermutlich hat sich der Autor diese Eulenspiegelei ausgedacht. Und wer weiß schon, was er sich noch alles ausgedacht hat …

 

Eulenspiegels Intellekt beeindruckt

Auch wenn mir heute beim Lesen der einen oder anderen Historie das Lachen im Halse stecken bleibt, so finde ich es doch erhellend, mich mit Eulenspiegels außergewöhnlichem Intellekt und seinen Streichen zu befassen.

 

Das Till Eulenspiegel-Museum in Schöppenstedt ist Partner im Netzwerk der ZeitOrte: Weitere Informationen zum Museum und über 100 weiteren Attraktionen

 

Auf der Webseite des Museums https://www.eulenspiegel-museum.de finden sich viele weitere Informationen bis hin zu den Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen 11.00 bis 17.00 Uhr
Montags bleibt das Museum geschlossen

Gruppenführungen sind nach Absprache unter Telefon 05332 6158 oder per Email an info@eulenspiegel-online.de auch außerhalb der genannten Öffnungszeiten möglich.

Adresse: Till Eulenspiegel-Museum, Nordstr. 4a, 38170 Schöppenstedt

 

Diesen Erlebnisbericht hat unsere Bloggerin Beate Ziehres verfasst.

Lesetipp: Bloggerin Bärbel Mäkeler von die-region.de hat übrigens den neuen Till Eulenspiegel getroffen.
Hier geht es zu ihrem Bericht