Bilder einer Ausstellung: hinter den Kulissen des Salon Salder

Am Sonntag, 9. September, ist es wieder soweit: Der 28. Salon Salder öffnet seine Pforten. Stephanie Borrmann, Kuratorin der Städtischen Kunstsammlungen in Salzgitter, hat für die jährlich wiederkehrende Ausstellung Werke von elf Künstlern ausgesucht. Alle Arbeiten ordnen sich dem diesjährigen Thema „Transit“ unter. Doch auch die Künstler selbst weisen eine Gemeinsamkeit auf: Sie stammen aus Niedersachsen oder leben in unserem Bundesland.

Stephanie Borrmann zeigt Studien zu Debora Kims Arbeit „Körper“.
Foto: Beate Ziehres

Aus dem Ausstellungsraum im ehemaligen Kuhstall des Schlosses Salder höre ich bei meinem Eintreffen Hämmern und Poltern. Die Ausstellungsbauer bereiten den Untergrund vor für eine Wandarbeit von Debora Kim. Stephanie Borrmann erwartet die Braunschweiger Künstlerin für den nächsten Tag. Die gebürtige Koreanerin wird die 180 Einzelstücke, aus denen sich ihr Werk „Körper“ zusammensetzt, aufhängen.

Alle Einzelstücke bestehen aus einem exakt 10,5 mal 15,4 Zentimeter großen und 1,4 Zentimeter dicken Holzkern. In Handarbeit hat die Künstlerin die Holzplättchen mit farbigem Baumwollgarn umwickelt – dem Lebensfaden, wie Stephanie Borrmann sagt. Jedes Teil hat eine eigene Farbkombination und eine spezifische Verteilung der Farbfelder.

„In die Farbkombinationen fließen die Naturerfahrungen der Künstlerin ein, die sie auf ihren Reisen gemacht hat, fast schon wieder vergessen hatte und die durch die Farbe der Fäden wieder sichtbar werden.“

So schlägt die Kunsthistorikerin Pia Kranz im Ausstellungskatalog den Bogen zum Thema Transit. Debora Kim selbst vertraut darauf, dass die wesentlichen Dinge im Gedächtnis blieben und folgt während des künstlerischen Prozesses ihrer Intuition. „Die Zeit klärt die Erinnerung“, sagt sie.

Thema Transit: Bilder vom Leben und Sterben

Die beinahe 80-jährige Künstlerin FRANEK ist genau wie Debora Kim keine Unbekannte in Salder. Bereits zum vierten Mal bereichern ihre Gemälde den Salon. Mit der Reihe „Windhauch (Der Tod und das Mädchen)“ bezieht sich die Künstlerin auf Schuberts Streichquartett Nr. 14 in d-Moll und auf ein Buch des Alten Testaments. FRANEK thematisiert in fünf großformatigen Werken den Übergang vom Leben zum Tod. Doch der Tod, er hat nichts Böses in FRANEKs Werken. Wie in Matthias Claudius’ Gedicht versucht er, das Mädchen auf die andere Seite zu locken. Wenn auch mit modernen Mitteln.

In FRANEKs moderner Interpretation lockt der Tod das Mädchen mit dem Laptop.
Foto: Beate Ziehres

 

Im Obergeschoss erobern die Fotografien von Franziska Stünkel mein Herz im Sturm. In Schaufensterscheiben oder anderen Glasflächen gespiegelte Momentaufnahmen fügen sich in ihren Bildern zusammen zu einem Gesamteindruck. „All the Stories“ betitelt die in Hannover lebende Künstlerin eine Serie von Fotografien, die in Europa, Afrika und Asien entstanden sind.

Aufbauarbeiten: Ein Bild aus Franziska Stünkels Serie „All the Stories“ wird platziert.
Foto: Beate Ziehres

 

In ihren Arbeiten zeigt Franziska Stünkel das globale, städtische Leben, das sich auch durch eine internationale Zeichensprache und Produktpalette definieren lässt. Als Betrachter bin ich erst einmal verwirrt. Zeigt das Bild eine Straßenszene in Dubai, Shanghai oder vielleicht gar in Berlin? Und die Nähstube, in die unser Blick gelenkt wird – befindet sie sich in Indien, im nahen Osten oder in Nordafrika? In allen Bildern gibt es  vertraute Elemente, die mir die Einordnung erschweren. Der weitgereisten Künstlerin gelingt es, kulturelle und soziale Übergänge darzustellen und ganz nebenbei Klischees über das vermeintlich Fremde und Andere auszuhebeln.

 

Salon Salder präsentiert sich bunt und düster

Übrigens: Entgegen dem ersten Eindruck zeigt der Salon Salder nicht nur Werke von Künstlerinnen, auch Herren sind zu Gast mit ihren Arbeiten. Ricus Aschemann ist dabei mit unheilvoll erscheinenden Schnappschüssen aus der virtuellen Welt und Thomas Dillmann mit präzisen Gemälden, in denen melancholisches Grau dominiert und schwarze Sonnen aufgehen. In symbolträchtigen Bildern hat Wolfgang Kessler den Reifeprozess seiner Tochter Theresa festgehalten – auf eine Art und Weise, die den Betrachter nicht nur anrührt, sondern auch verdeutlicht, dass hier die eigenen Sorgen thematisiert sind.

Dass düstere Farben zum Thema Transit nicht alleine Männersache sind, zeigen die Werke von Beate Haupt. Lange muss ich in die schwarzen Wellen schauen, um die Nixe zu sehen, von der Stephanie Borrmann spricht. Die großformatigen Ölgemälde dominieren den Ausstellungsbereich im Erdgeschoss optisch. Und sie geben dem Raum einen spezifischen Geruch – nach frischen Ölfarben.

Die Nixe, von Wellen umspielt – das Werk von Beate Haupt orientiert sich an einem historischen Gemälde von Arnold Böcklin.
Foto: Beate Ziehres

 

Grell bunt und kitschig zieht hingegen die Installation von Elisabeth Stumpf meine Aufmerksamkeit auf sich. Lametta-Perücken, ein Blumenregen und silberglitzernde Totenschädel erinnern an das südamerikanische Allerheiligenfest, den Dia de muertos.

Pia Kranz, die Kunsthistorikerin, schaut jedoch hinter den ersten, fröhlichen Eindruck: Glamour werde hier als gewollte Überzeichnung eingesetzt, der Kitsch habe den Weg frei gemacht für die großen Themen im Leben:

„In ihrer Kunst hinterfragt sie das Gleichgewicht zwischen Fragilität und Stabilität, an deren Ende die Frage nach der Haltung zum Leben, zur Natur, unseren Ressourcen und Mitmenschen steht, die von jedem selbst beantwortet werden muss.“

Noch in Arbeit – die Installation „We change the World“ von Elisabeth Stumpf.
Foto: Beate Ziehres

„We will change the world“ lautet denn auch der Titel des Werks. Bei meinem Besuch liegen weiße Lilien verstreut auf dem Boden, die Installation von Elisabeth Stumpf ist noch eine Baustelle. Hier ist die ordnende Hand der Künstlerin gefragt.

 

Ein Kunstwerk zum Mitmachen

Die Fotoinstallation „Europa“ ist hingegen fertig, ich kann sie schon ausprobieren. Das finale „Oh!“ bleibt mir im Halse stecken, trotzdem kann ich nur empfehlen, den Schritt in den Tunnel zu wagen. Die Hannoveranerin Birgit Streicher hat die Installation eigens für den Salon Salder konzipiert.

Stephanie Borrmann weiß natürlich, was die Ausstellungsbesucher am Ende des Tunnels von Birgit Streicher erwartet.
Foto: Beate Ziehres

Während bei „Europa“ ausdrücklich erwünscht ist, dass der Besucher aktiv wird, sollten die anderen Kunstwerke nur mit den Augen erfasst werden. Eine Selbstverständlichkeit? Eigentlich schon. Doch als wir vor der Arbeit von Mei-Shiu Winde-Liu stehen, entdeckt Stephanie Borrmann eine Freveltat. Offensichtlich konnte jemand dem feinen weißen Sand, auf dem die in Ton geformten Erinnerungen der Künstlerin platziert sind, nicht widerstehen und hat respektlos ein bisschen damit gespielt. Ja, der Sand liegt lose! Und nein, mit Kunstwerken spielt man natürlich nicht. Mögen die Materialien noch so einladend sein!

Die Erinnerungen im Archiv der gebürtigen Taiwanesin Mei-Shiu Winde-Liu sind Handarbeit. Foto: Beate Ziehres

 

Wie weit der persönliche Einsatz der Künstler für den Salon Salder geht, erzählt mir Stephanie Borrmann in einer Nische, in der ein Sofa, eine Stehlampe, ein Regal und eine antike Kommode stehen. Die Möbel stammen aus Katrin Ribbes Wohnzimmer und sind Teil einer Installation zum Thema „Der Körper als Schlachtfeld“.

Das Kernstück – ein auf Kissen gedrucktes Selbstbildnis der entblößten Künstlerin – fehlt noch bei meinem Besuch in Salder. Überliefert ist jedoch die Reaktion der Kinder Ribbes, als die Spedition kam, um das Sofa abzuholen: „Och nee, jetzt müssen wir wieder auf dem Boden sitzen“, sollen sie sinngemäß gesagt haben.

Als ich mich von Stephanie Borrmann verabschiede, verspreche ich, zu einer der Veranstaltungen, die den Salon Salder begleiten, zu kommen.

 

Rahmenprogramm:

  • Vernissage am 9. September, 11 Uhr
  • Matinee am 30. September und am 14. Oktober, jeweils um 11.15 Uhr: Kunst und Literatur im Salon – besonderer Ausstellungsrundgang mit literarischen Zwischenstopps.
  • Konzertante Lesung am 28. September, 19 Uhr, und am 21. Oktober, 11.15 Uhr: Akustische Einblicke mit dem Kulturjournalisten Michael Stoeber und der Blockflötistin Benedikta Bonitz
  • Führungen mit Stephanie Borrmann am 23. September, 11.15 Uhr, und am 11. Oktober um 18 Uhr.
  • Dreitägiger Workshop für Kinder zwischen 8 und 14 Jahren von 10. bis 12. Oktober. Anmeldung unter Telefon 05341 839-4613 oder -4623.
  • Finissage am 28. Oktober, 11 Uhr

Veranstaltungsort:

Städtisches Museum Schloss Salder
Museumstraße 34, 38229 Salzgitter

Telefon: 05341 8394619
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 10.00 – 17.00 Uhr, Sonn- und Feiertag 11.00 – 17.00 Uhr

 

Das Städtische Museum Schloss Salder ist Partner im Netzwerk der ZeitOrte. Auf zeitORTE.de gibt es alle Informationen zu den verschiedenen Dauerausstellungen (von der Urzeit bis in die Jetztzeit).

 

Diesen Erlebnisbericht hat unsere Bloggerin Beate Ziehres verfasst.